Einleitung
Wolfgang „Paule“ Seguin gehört zu den bekanntesten Fußballern der ehemaligen DDR und ist bis heute eng mit der Geschichte des 1. FC Magdeburg verbunden. Der am 14. September 1945 in Burg bei Magdeburg geborene Mittelfeldspieler verbrachte den größten Teil seiner aktiven Laufbahn in Magdeburg und entwickelte sich dort zu einer echten Vereinsikone. Besonders unvergessen ist sein Auftritt im Europapokalfinale der Pokalsieger 1974. Mit seinem Tor zum 2:0 gegen den AC Mailand machte er den größten internationalen Erfolg des Magdeburger Fußballs perfekt.
Seguin war jedoch weit mehr als nur der Torschütze eines historischen Endspiels. Er war ein äußerst zuverlässiger Spieler, gewann mehrere nationale Titel, nahm an den Olympischen Spielen 1972 und an der Weltmeisterschaft 1974 teil und stellte in der DDR-Oberliga einen außergewöhnlichen Dauerrekord auf. Auch nach seiner aktiven Karriere blieb er dem Fußball und besonders dem 1. FC Magdeburg verbunden.
Kindheit und erste Schritte im Fußball
Wolfgang Seguin wuchs in Burg bei Magdeburg auf und kam schon früh mit dem Fußball in Kontakt. In seiner Jugend spielte er zunächst als Stürmer. Seine Fähigkeiten und seine Torgefahr machten ihn schon in jungen Jahren bemerkbar. In der Saison 1962/63 wurde er mit 23 Treffern Torschützenkönig in der Jugend-Bezirksliga. Anschließend wurde er nach Magdeburg delegiert und schloss sich dem damaligen SC Aufbau an, dem Vorgängerverein des späteren 1. FC Magdeburg.
In Magdeburg entwickelte sich seine Position weiter. Aus dem jungen Angreifer wurde zunehmend ein Mittelfeldspieler. Dort konnte Seguin seine Laufstärke, seine Übersicht und seine kämpferischen Fähigkeiten besonders gut einsetzen. In der Juniorenmannschaft spielte er unter anderem gemeinsam mit Manfred Zapf. Aus dieser Zeit entstand eine Freundschaft, die auch Jahrzehnte später noch Bestand hatte. Für Seguin war der Wechsel nach Magdeburg der entscheidende Schritt auf dem Weg zu einer langen Profikarriere.
Die große Karriere beim 1. FC Magdeburg
Seinen ersten Einsatz in der Oberligamannschaft absolvierte Seguin am 9. Februar 1964. Im Heimspiel gegen Turbine Erfurt endete die Partie 2:2. Damit begann eine außergewöhnlich lange Verbindung zwischen dem Spieler und dem Verein. Bis zu seinem Abschied im Jahr 1981 gehörte Seguin über viele Jahre zum festen Kern der Magdeburger Mannschaft.
Der 1. FC Magdeburg bezeichnet Seguin bis heute als Rekordspieler des Vereins. In den historischen Vereinsstatistiken werden für ihn je nach Zählweise unterschiedliche Zahlen bei den Pflichtspielen genannt. Der Verein führt ihn unter anderem mit 580 Pflichtspielen in einer älteren Statistik und bezeichnete ihn später mit 544 Pflichtspielen als Rekordspieler. Die Unterschiede entstehen durch unterschiedliche statistische Zählweisen und Wettbewerbsabgrenzungen. Sicher ist jedoch, dass Seguin über viele Jahre eine außergewöhnlich hohe Zahl an Spielen für Magdeburg absolvierte.
Auch seine Oberliga-Zahl ist beeindruckend. Der DFB führt 380 Einsätze in der DDR-Oberliga für den 1. FC Magdeburg. Damit gehört Seguin zu den Spielern mit der größten Einsatzdauer in der Geschichte der höchsten DDR-Spielklasse. Seine Laufbahn beim Verein erstreckte sich vom Beginn der 1960er-Jahre bis ins Jahr 1981 und umfasste damit mehr als 17 Jahre.
Der außergewöhnliche Rekord von 219 Spielen
Eine der bemerkenswertesten Leistungen von Wolfgang Seguin war seine Serie von 219 aufeinanderfolgenden Oberligaeinsätzen. Zwischen 1971 und 1979 stand er ohne Unterbrechung in 219 Spielen der höchsten DDR-Spielklasse auf dem Platz. Dieser Rekord gilt als einer der außergewöhnlichsten Dauerrekorde des DDR-Fußballs.
Eine solche Serie erforderte nicht nur sportliche Qualität, sondern auch enorme körperliche Belastbarkeit und Disziplin. Verletzungen, Formschwankungen und andere Schwierigkeiten gehören normalerweise zum Alltag eines Profifußballers. Seguin schaffte es dennoch über einen sehr langen Zeitraum, regelmäßig eingesetzt zu werden. Sein Rekord passt deshalb gut zu dem Bild, das der 1. FC Magdeburg von ihm zeichnet: ein zuverlässiger, fairer und äußerst belastbarer Sportsmann.
Meisterschaften und FDGB-Pokalsiege
Mit dem 1. FC Magdeburg feierte Seguin mehrere bedeutende Erfolge im DDR-Fußball. Er wurde dreimal DDR-Meister. Die Meistertitel gewann Magdeburg in den Jahren 1972, 1974 und 1975. Besonders erfolgreich war die Mannschaft Anfang und Mitte der 1970er-Jahre, als der Verein zu den stärksten Teams der DDR gehörte. Seguin war ein wichtiger Bestandteil dieser erfolgreichen Generation.
Auch im FDGB-Pokal, dem wichtigsten nationalen Pokalwettbewerb der DDR, gehörte Seguin zu den erfolgreichen Spielern. Der 1. FC Magdeburg gewann mit ihm mehrere Pokaltitel. Zu seinen besonderen Pokalmomenten zählt das Finale von 1979 gegen den BFC Dynamo. Dort erzielte Seguin in der Verlängerung den entscheidenden Treffer und sicherte seiner Mannschaft damit einen weiteren Pokalerfolg.
Der Europapokalsieg 1974 gegen den AC Mailand
Der Höhepunkt seiner Vereinskarriere kam am 8. Mai 1974 in Rotterdam. Im Stadion De Kuip traf der 1. FC Magdeburg im Finale des Europapokals der Pokalsieger auf den italienischen Spitzenklub AC Mailand. Für den ostdeutschen Verein war dieses Spiel die größte internationale Herausforderung seiner bisherigen Geschichte.
Magdeburg gewann die Partie mit 2:0. Das erste Tor fiel in der 43. Minute durch ein Eigentor des Mailänders Enrico Lanzi. In der zweiten Halbzeit folgte der Moment, der Wolfgang Seguin für immer mit der Vereinsgeschichte verbinden sollte. In der 74. Minute erzielte er das zweite Tor und machte damit den Sieg des 1. FC Magdeburg perfekt.
Der Erfolg war historisch, denn der 1. FC Magdeburg wurde damit zum einzigen Verein aus der ehemaligen DDR, der einen Europapokal gewinnen konnte. Der Weg ins Finale war ebenfalls bemerkenswert. Magdeburg setzte sich in der Saison 1973/74 unter anderem gegen NAC Breda, Baník Ostrava, Beroe Stara Sagora und Sporting Lissabon durch, bevor im Finale der AC Mailand wartete.
Seguins Treffer zum 2:0 machte ihn endgültig zu einer Legende des Vereins. Noch Jahrzehnte später wird der 8. Mai 1974 beim 1. FC Magdeburg besonders gewürdigt. Das Tor steht symbolisch für die erfolgreichste internationale Nacht in der Geschichte des Vereins.
Wolfgang Seguin in der DDR-Nationalmannschaft
Neben seinen Leistungen im Verein schaffte Seguin auch den Sprung in die DDR-Nationalmannschaft. Sein erstes A-Länderspiel bestritt er am 27. Mai 1972 gegen Uruguay. Die DDR gewann die Begegnung mit 1:0. Nach Angaben des DFB absolvierte Seguin 19 offizielle Länderspiele für die DDR. Andere historische Quellen und der 1. FC Magdeburg zählen insgesamt 21 Einsätze, wobei die unterschiedlichen Angaben auf verschiedene statistische Zählweisen zurückzuführen sind.
Eine besonders wichtige Station war das Jahr 1972. Seguin gehörte zur DDR-Olympiaauswahl, die bei den Olympischen Sommerspielen in München die Bronzemedaille gewann. Die DDR spielte im Spiel um Platz drei gegen die Sowjetunion 2:2. Da beide Mannschaften damit gemeinsam den dritten Platz belegten, wurde die Bronzemedaille geteilt. Seguin kam beim olympischen Turnier in mehreren Spielen zum Einsatz.
Zwei Jahre später nahm er an der Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland teil. Die DDR sorgte bei diesem Turnier mit dem 1:0-Sieg gegen Gastgeber Westdeutschland für eine der berühmtesten Überraschungen ihrer Fußballgeschichte. Seguin gehörte zum WM-Kader und wurde im Vorrundenspiel gegen Chile eingesetzt. Gegen Westdeutschland kam er dagegen nicht zum Einsatz.
Das Ende der aktiven Laufbahn
Nach mehr als 17 Jahren beim 1. FC Magdeburg näherte sich Seguins aktive Karriere Anfang der 1980er-Jahre ihrem Ende. Sein letztes Oberligaspiel für den FCM bestritt er am 25. April 1981. Magdeburg gewann die Heimpartie gegen Sachsenring Zwickau mit 3:2. Damit endete eine außergewöhnlich lange Zeit als Spieler des Vereins.
Anschließend ließ Seguin seine aktive Fußballkarriere noch beim Bezirksligisten Motor Mitte Magdeburg ausklingen. Bereits wenige Jahre später kehrte er in anderer Funktion zum 1. FC Magdeburg zurück. 1986 arbeitete er beim Verein als Mannschaftsleiter. Damit blieb er auch nach seinem Abschied vom Spielfeld eng mit dem Klub verbunden.
Beruf und Leben nach dem Fußball
Wolfgang Seguin hatte sich nicht ausschließlich auf seine Fußballkarriere verlassen. Noch während seiner aktiven Zeit absolvierte er ein Studium zum Maschinenbau-Ingenieur. Nach seiner Zeit als Fußballspieler arbeitete er unter anderem als Objektleiter im Heinrich-Germer-Stadion in Magdeburg. Nach der deutschen Wiedervereinigung veränderten sich jedoch die beruflichen Rahmenbedingungen stark.
Seguin ließ sich später in Stendal nieder und absolvierte eine Umschulung zum Gebäudereiniger. Danach baute er ein eigenes Unternehmen für Gebäude- und Glasreinigung auf. Aus diesem Unternehmen entwickelte sich ein erfolgreiches Geschäft mit einer großen Zahl von Mitarbeitern. Später übergab er die Firma an seine Söhne.
Auch nach dem Ende seiner aktiven Fußballzeit blieb Seguin dem 1. FC Magdeburg verbunden. Er engagierte sich ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen und unterstützte den Verein auch als Sponsor. Der FCM bezeichnete ihn zudem als Ehrenmitglied. Seine Verbindung zum Klub war damit nicht nur sportlicher Natur, sondern wurde zu einem wichtigen Teil seines Lebens nach der aktiven Karriere.
Familie und die Verbindung zu Paul Seguin
Die Fußballtradition der Familie Seguin setzte sich auch bei seinen Söhnen fort. Wolfgang Seguin ist Vater von fünf Söhnen. Einer seiner Söhne, Paul Seguin, machte ebenfalls eine professionelle Fußballkarriere. Der jüngste Sohn entwickelte sich zu einem bekannten deutschen Mittelfeldspieler und spielte unter anderem für den VfL Wolfsburg, die SpVgg Greuther Fürth und den 1. FC Union Berlin. Anschließend gehörte er zum Kader von Hertha BSC.
Damit gibt es eine besondere Verbindung zwischen zwei Generationen der Familie und dem deutschen Profifußball. Während Wolfgang Seguin seine größten Erfolge mit dem 1. FC Magdeburg in der DDR feierte, setzte Paul Seguin die sportliche Familientradition im deutschen Fußball nach der Wiedervereinigung fort.
Fazit
Wolfgang „Paule“ Seguin bleibt eine der prägendsten Persönlichkeiten des 1. FC Magdeburg. Seine Karriere war geprägt von außergewöhnlicher Vereinstreue, großer sportlicher Belastbarkeit und zahlreichen Erfolgen. Drei DDR-Meistertitel, mehrere FDGB-Pokalsiege, die Olympiabronzemedaille von 1972 und die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1974 gehören zu den wichtigsten Stationen seines sportlichen Lebens.
Seinen besonderen Platz in der Fußballgeschichte sicherte er sich jedoch vor allem am 8. Mai 1974 in Rotterdam. Sein Tor zum 2:0 gegen den AC Mailand machte den 1. FC Magdeburg zum Europapokalsieger und sorgte für den größten internationalen Erfolg eines DDR-Vereins. Dazu kommt sein außergewöhnlicher Rekord von 219 Oberligaeinsätzen in Folge.
Auch nach dem Fußball blieb Seguin seiner Heimatstadt und seinem Verein verbunden. Seine berufliche Entwicklung nach der Wende, sein Engagement für den FCM und die erfolgreiche Fußballkarriere seines Sohnes Paul zeigen, dass seine Geschichte weit über das Spielfeld hinausgeht. Wolfgang „Paule“ Seguin ist deshalb nicht nur ein ehemaliger Fußballspieler, sondern ein dauerhaftes Stück Magdeburger Fußballgeschichte.

