Einleitung
Klaus Selmke war eine der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Rockmusik und über Jahrzehnte hinweg das rhythmische Rückgrat der Berliner Band City. Als Mitbegründer der Gruppe erlebte er nahezu die gesamte Entwicklung der Band mit: von den ersten Auftritten im Ost-Berlin der frühen 1970er-Jahre über den großen Erfolg in der DDR bis hin zur deutschen Wiedervereinigung und den späteren Jubiläumskonzerten. Für viele Fans war er nicht einfach nur der Schlagzeuger von City, sondern ein Musiker mit einem ganz eigenen Stil und einer unverwechselbaren Bühnenpräsenz.
Besonders bekannt wurde Selmke unter dem Spitznamen „Barfuß-Drummer“. Er spielte bei seinen Auftritten häufig ohne Schuhe und machte diese ungewöhnliche Gewohnheit zu einem Teil seiner musikalischen Identität. Hinter dieser auffälligen Besonderheit stand jedoch ein erfahrener Musiker, der die Entwicklung von City entscheidend mitprägte.
City wurde vor allem durch den Song „Am Fenster“ berühmt. Das Stück entwickelte sich zu einem der bekanntesten Titel des DDR-Rocks und erreichte auch außerhalb der DDR ein großes Publikum. Klaus Selmke war von Beginn an Teil dieser Geschichte und blieb der Band fast fünf Jahrzehnte verbunden. Sein Tod am 22. Mai 2020 bedeutete deshalb einen tiefen Einschnitt für die Gruppe und die deutsche Rockszene.
Kindheit und erste Schritte zur Musik
Klaus Selmke wurde am 21. April 1950 in Berlin geboren und wuchs in Ost-Berlin auf. Seine Jugend fiel in eine Zeit, in der sich die Rockmusik auch in der DDR zunehmend zu einer wichtigen Ausdrucksform junger Menschen entwickelte. Internationale Rockgruppen beeinflussten viele Musiker, obwohl der Zugang zu westlicher Musik in der DDR nicht immer einfach war.
Selmke interessierte sich früh für Musik und entschied sich schließlich für das Schlagzeug. Im Dezember 1967 kaufte er sein erstes eigenes Schlagzeug. Dieses Instrument sollte sein Leben nachhaltig bestimmen.
Seine ersten musikalischen Erfahrungen sammelte er in der Schulband BANG CLUB. Ab 1969 trat die Gruppe öffentlich auf. Für den jungen Selmke bedeuteten diese ersten Konzerte wichtige Erfahrungen, denn er lernte, wie sich musikalische Ideen auf einer Bühne umsetzen lassen.
Sein Weg zum professionellen Musiker verlief dennoch nicht sofort. Zunächst absolvierte Selmke eine Ausbildung zum Elektromechaniker im Kabelwerk Adlershof. Später holte er sein Abitur an einer Abendschule nach. Diese Kombination aus technischer Ausbildung und musikalischem Interesse prägte seine frühe Entwicklung.
Vom Kameraassistenten zum Berufsmusiker
Bevor Klaus Selmke vollständig Musiker wurde, arbeitete er beim DDR-Fernsehen im Studio Adlershof als Kameraassistent. Dadurch lernte er auch die Welt der Medienproduktion kennen.
Diese Tätigkeit war eine interessante Ergänzung zu seinem musikalischen Weg. Während er als Kameraassistent mit technischen Abläufen und Bildgestaltung vertraut wurde, entwickelte er gleichzeitig seine Fähigkeiten als Schlagzeuger weiter.
Im Sommer 1970 verließ Selmke seine Tätigkeit beim Fernsehen und widmete sich stärker der Musik. Er begann eine musikalische Ausbildung an der Musikschule Friedrichshain. Zusätzlich arbeitete er bis 1972 als Musikredakteur beim Rundfunk.
Damit hatte er vor der Gründung von City bereits verschiedene Seiten der Kultur- und Medienwelt kennengelernt. Er kannte die technische Seite von Medienproduktionen, hatte Erfahrungen als Musiker gesammelt und wusste, wie Musik in der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Diese Erfahrungen bildeten eine gute Grundlage für seine spätere Arbeit als professioneller Rockmusiker.
Die Gründung von City im Jahr 1972
Das wichtigste Kapitel in Klaus Selmkes Karriere begann 1972. Gemeinsam mit dem Gitarristen Fritz Puppel gründete er in Berlin eine neue Rockband, die zunächst als City Band beziehungsweise City Rock Band bekannt wurde.
Das erste Konzert fand im Februar 1972 im Klubhaus ABC in Berlin-Köpenick statt. Zu Beginn spielte die Gruppe vor allem bekannte Titel internationaler Rockbands. Stücke von Santana, Deep Purple, den Rolling Stones und Jimi Hendrix gehörten zum frühen Repertoire.
Doch City entwickelte sich schnell weiter. Die Musiker begannen, eigene musikalische Ideen zu verwirklichen und deutschsprachige Songs zu entwickeln. Dadurch entstand nach und nach ein eigener Stil.
Klaus Selmke war als Schlagzeuger von Anfang an ein wichtiger Bestandteil der Band. Gemeinsam mit Fritz Puppel bildete er einen der langfristig stabilen Kerne der Gruppe.
Die Gründung von City war damit nicht nur der Beginn einer erfolgreichen Bandgeschichte, sondern auch der Start einer musikalischen Partnerschaft, die über Jahrzehnte Bestand haben sollte.
Der Aufstieg von City und „Am Fenster“
In den 1970er-Jahren entwickelte sich City zu einer der bekanntesten Rockbands der DDR. Die Gruppe kombinierte Rockmusik mit deutschen Texten und behandelte teilweise Themen, die über reine Unterhaltung hinausgingen.
Ein wichtiger Schritt war der Eintritt von Sänger Toni Krahl im Jahr 1975. Mit dieser Besetzung entwickelte City einen charakteristischen Klang, der die Band über viele Jahre prägte.
Der entscheidende Durchbruch kam 1977 mit „Am Fenster“. Das Lied wurde zu einem der bekanntesten Werke der DDR-Rockgeschichte. Seine ungewöhnliche Struktur, die lange Spielzeit und die Verbindung verschiedener musikalischer Elemente machten den Titel zu etwas Besonderem.
„Am Fenster“ wurde auch außerhalb der DDR bekannt und trug wesentlich dazu bei, dass City über die Grenzen des Landes hinaus Aufmerksamkeit erhielt.
Für Klaus Selmke bedeutete dieser Erfolg, dass seine Arbeit als Schlagzeuger ein immer größeres Publikum erreichte. Sein Schlagzeug bildete das rhythmische Fundament, auf dem die charakteristischen Gitarren- und Gesangspassagen der Band aufbauten.
Der „Barfuß-Drummer“ und sein Bühnenstil
Klaus Selmke wurde besonders durch eine ungewöhnliche Eigenschaft bekannt: Er spielte häufig barfuß. Daraus entstand sein berühmter Spitzname „Barfuß-Drummer“.
Auf einer Bühne, auf der Sänger und Gitarristen häufig die größte Aufmerksamkeit erhalten, war Selmkes Erscheinungsbild als barfüßiger Schlagzeuger ein zusätzliches Erkennungsmerkmal. Die Besonderheit wurde im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil seiner öffentlichen Identität.
Doch sein Ruf beruhte nicht nur auf dieser Gewohnheit. Selmke galt als erfahrener und zuverlässiger Schlagzeuger, der sich über Jahrzehnte an unterschiedliche musikalische Entwicklungen anpassen konnte.
Mit der technischen Entwicklung der Musik änderten sich auch die Anforderungen an Schlagzeuger. Selmke war offen für neue technische Möglichkeiten und setzte später beispielsweise moderne elektronische Schlagzeugsysteme ein.
Dadurch blieb er auch in den späteren Jahren musikalisch flexibel. Seine Fähigkeit, traditionelle Spielweisen mit moderner Technik zu verbinden, zeigte, dass seine Karriere nicht ausschließlich von Nostalgie geprägt war.
City nach der deutschen Wiedervereinigung
Die deutsche Wiedervereinigung 1990 stellte für viele ostdeutsche Künstler eine große Veränderung dar. Auch für City änderte sich die musikalische und wirtschaftliche Umgebung grundlegend.
Die Band musste sich in einem völlig neuen Musikmarkt behaupten. Viele Künstler aus der ehemaligen DDR verloren zunächst Aufmerksamkeit, weil sich das Publikum und die Medienlandschaft veränderten.
City gelang es jedoch, weiterzuarbeiten und sein Publikum zu behalten. Die Gruppe trat weiterhin auf und veröffentlichte neue Musik. Gleichzeitig entwickelte sich die Erinnerung an die DDR-Rockmusik zu einem wichtigen Teil der deutschen Musikkultur.
Klaus Selmke blieb dabei ein fester Bestandteil der Band. Seine jahrzehntelange Verbindung zu City verlieh der Gruppe eine besondere Kontinuität.
Während andere Besetzungen wechselten und sich musikalische Trends veränderten, blieb Selmke als Gründungsmitglied ein Symbol für die ursprüngliche Geschichte der Band.
Jahrzehntelange Bühnenarbeit und Vermächtnis
Über fast fünf Jahrzehnte stand Klaus Selmke mit City auf der Bühne. Er erlebte dabei verschiedene politische, gesellschaftliche und musikalische Zeiten.
Von den ersten Auftritten in Ost-Berlin über die großen Erfolge der 1970er- und 1980er-Jahre bis zu den Konzerten nach der Wiedervereinigung blieb er seinem Instrument und seiner Band treu.
Seine Bedeutung für City ging deshalb über die Rolle eines gewöhnlichen Bandmitglieds hinaus. Als Gründungsmitglied verkörperte er die Geschichte der Gruppe selbst.
Beim 40. Bandjubiläum 2012 konnte Selmke bereits auf vier Jahrzehnte City zurückblicken. Nur wenige Musiker können auf eine derart lange Zusammenarbeit mit derselben Rockband verweisen.
Sein Vermächtnis besteht deshalb nicht nur aus einzelnen Liedern oder Konzerten. Es liegt auch in der Beständigkeit, mit der er seine musikalische Aufgabe erfüllte.
Krankheit und Tod im Jahr 2020
Klaus Selmke starb am 22. Mai 2020 in Berlin. Er wurde 70 Jahre alt. Sein Tod kam nur etwa einen Monat nach seinem 70. Geburtstag.
Selmke war an Krebs erkrankt. Er starb im Krankenhaus der Berliner Charité. Die Nachricht von seinem Tod löste große Anteilnahme in der deutschen Musikszene aus.
Für City war sein Tod besonders schmerzhaft. Selmke hatte die Band seit ihrer Gründung begleitet und war über Jahrzehnte ein fester Bestandteil ihrer Identität gewesen.
Seine Bandkollegen erinnerten an ihn als einen wichtigen Musiker und Freund. Besonders seine langjährige Verbindung zu City machte deutlich, wie groß die Lücke war, die sein Tod hinterließ.
Nach seinem Tod setzte die Band ihre Geschichte zunächst noch fort, doch Selmkes Fehlen war bei den späteren Auftritten deutlich spürbar.
Fazit
Klaus Selmke war ein bedeutender deutscher Rockmusiker und eine Schlüsselfigur der Berliner Band City. Als Mitbegründer begleitete er die Gruppe seit 1972 und war fast fünf Jahrzehnte lang für ihren rhythmischen Kern verantwortlich.
Sein Weg zur Musik war vielseitig. Er begann mit einer technischen Ausbildung, arbeitete beim DDR-Fernsehen und als Musikredakteur, bevor er sich vollständig seiner musikalischen Leidenschaft widmete. Mit der Gründung von City fand er schließlich die Band, mit der er Musikgeschichte schreiben sollte.
Der Erfolg von „Am Fenster“ machte City zu einer der bekanntesten Rockbands der DDR. Selmke trug mit seinem Schlagzeug wesentlich zum charakteristischen Klang der Gruppe bei. Gleichzeitig machte ihn sein barfüßiges Auftreten zum unverwechselbaren „Barfuß-Drummer“.
Auch nach der deutschen Wiedervereinigung blieb er City treu und erlebte die Entwicklung der Band über Jahrzehnte hinweg. Sein Tod im Jahr 2020 bedeutete einen schweren Verlust für seine Bandkollegen und die deutsche Rockszene.
Klaus Selmke bleibt als Musiker, Gründungsmitglied und Barfuß-Drummer von City in Erinnerung. Sein Leben zeigt, wie stark Musik Generationen verbinden und auch nach großen gesellschaftlichen Veränderungen kulturelle Erinnerungen bewahren kann.

