Einleitung
Hans-Jürgen Bäumler gehört zu den bekanntesten deutschen Eiskunstläufern der Nachkriegszeit. Gemeinsam mit Marika Kilius bildete er in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren eines der erfolgreichsten und beliebtesten Eiskunstlaufpaare der Welt. Die beiden gewannen sechs Europameistertitel in Folge und wurden zweimal Weltmeister. Bei den Olympischen Winterspielen 1960 und 1964 holten sie jeweils die Silbermedaille. Damit prägten sie eine Epoche, in der Eiskunstlauf in Deutschland ein großes Fernsehereignis war.
Doch Bäumlers Karriere endete nicht mit dem Sport. Nach seiner Zeit als Eiskunstläufer wurde er Schlagersänger, Schauspieler, Moderator und Quizmaster. Er stand auf Theaterbühnen, arbeitete für Fernsehen und Radio und blieb über Jahrzehnte eine bekannte Persönlichkeit. Heute lebt der ehemalige Sportstar weitgehend zurückgezogen an der Côte d’Azur. Sein Lebensweg verbindet Spitzensport, Unterhaltung und ein späteres Leben fern vom großen Rampenlicht.
Kindheit und Beginn der Eiskunstlaufkarriere
Hans-Jürgen Bäumler wurde am 28. Januar 1942 in Dachau geboren. Schon in jungen Jahren begann er mit dem Eislaufen. Seine Mutter Anni unterstützte seine sportliche Entwicklung und finanzierte einen großen Teil seines Trainings. Für den jungen Bäumler bedeutete Eiskunstlauf nicht nur Freizeit, sondern schon früh eine ernsthafte sportliche Aufgabe.
Zunächst konzentrierte sich Bäumler auf den Einzellauf. Er entwickelte sich schnell zu einem erfolgreichen Nachwuchssportler und gewann 1954 die deutsche Jugendmeisterschaft. Später trat er bei den deutschen Meisterschaften in der Erwachsenenklasse an. 1957 wurde er deutscher Vizemeister und erreichte damit eine Position, die ihm den Weg in den internationalen Spitzensport öffnete.
In dieser Zeit veränderte sich seine sportliche Zukunft entscheidend. Für Marika Kilius wurde nach dem Ausscheiden ihres bisherigen Partners Franz Ningel ein neuer Partner gesucht. Bäumler erwies sich als geeigneter Kandidat. 1957 begann die Zusammenarbeit der beiden. Was zunächst wie eine sportliche Partnerschaft aussah, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte.
Marika Kilius und das berühmte Traumpaar
Hans-Jürgen Bäumler und Marika Kilius wurden von Trainer Erich Zeller betreut. Unter seiner Anleitung entwickelte sich das Paar schnell weiter. Bereits 1958 gewannen sie erstmals gemeinsam die deutsche Meisterschaft im Paarlauf. Nur ein Jahr später folgte der erste Europameistertitel.
Von 1959 bis 1964 dominierten Kilius und Bäumler den europäischen Paarlauf. Sechsmal hintereinander wurden sie Europameister. 1963 und 1964 kamen zwei Weltmeistertitel hinzu. Ihre Programme verbanden technische Schwierigkeit, Synchronität und eine besondere Bühnenwirkung. Für das Publikum waren die beiden nicht einfach nur Sportler. Sie wurden zu Stars.
In den 1960er-Jahren hatte das Fernsehen eine besondere Bedeutung. Große Sportereignisse konnten ein ganzes Land vor den Bildschirmen versammeln. Wenn Kilius und Bäumler auf dem Eis standen, verfolgten Millionen Zuschauer ihre Auftritte. Die Hall of Fame des deutschen Sports beschreibt sie deshalb als eines der großen deutschen „Traumpaare“ ihrer Zeit.
Dabei entstand auch der Eindruck, dass die beiden privat ein Paar sein könnten. Tatsächlich waren Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler jedoch vor allem sportliche Partner und Freunde. Die öffentliche Begeisterung für ihre gemeinsame Erscheinung verstärkte ihre Popularität zusätzlich.
Zwei olympische Silbermedaillen
Bei den Olympischen Winterspielen erreichten Kilius und Bäumler zweimal den zweiten Platz. 1960 in Squaw Valley gewannen sie Silber hinter dem kanadischen Paar Donald Jackson und Maria beziehungsweise Robert Paul. Vier Jahre später, bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck, wiederholten sie den Erfolg. Dort mussten sie sich dem sowjetischen Paar Ljudmila Beloussowa und Oleg Protopopow geschlagen geben.
Obwohl sie nie Olympiasieger wurden, gehörten ihre beiden Silbermedaillen zu den größten Erfolgen ihrer Karriere. Denn gleichzeitig waren sie bei Welt- und Europameisterschaften über Jahre kaum zu schlagen. Ihre sechs Europameistertitel und zwei Weltmeisterschaften zeigen, wie konstant ihre Leistungen waren.
Besonders die Olympischen Spiele von Innsbruck blieben jedoch nicht nur wegen der sportlichen Platzierung in Erinnerung. Nach dem Wettbewerb entstand eine Kontroverse um den Amateurstatus des deutschen Paares. Diese Auseinandersetzung sollte die olympische Geschichte von Kilius und Bäumler noch über Jahrzehnte begleiten.
Die Kontroverse um die olympische Medaille
Vor den Olympischen Spielen 1964 hatten Kilius und Bäumler einen Vertrag für eine professionelle Eisshow unterschrieben. Zu dieser Zeit galten für die Teilnahme an den Olympischen Spielen noch strengere Amateurregeln als heute. Deshalb wurde ihre olympische Silbermedaille später zunächst aberkannt.
Die Entscheidung war für die beiden Sportler ein schwerer Einschnitt. Ihre sportliche Leistung in Innsbruck blieb zwar bestehen, doch die offizielle Anerkennung der Medaille wurde ihnen zunächst entzogen. Bäumler und Kilius gaben ihre Medaillen zurück.
Die Geschichte endete allerdings nicht damit. Im Jahr 1987 wurden die beiden rehabilitiert und erhielten ihre olympischen Silbermedaillen zurück. Damit wurde ihr Erfolg von Innsbruck nachträglich wieder offiziell anerkannt. Heute gehört diese Episode zu den bekanntesten Besonderheiten in der Geschichte des deutschen Eiskunstlaufs.
Die Zeit nach dem Amateursport
Nach den Olympischen Spielen 1964 beendeten Kilius und Bäumler ihre Amateurkarriere. Der Wechsel bedeutete jedoch keineswegs das Ende ihrer gemeinsamen Auftritte. Stattdessen gingen sie in den professionellen Eissport und traten bei internationalen Eisrevuen auf.
Zu ihren wichtigen Stationen gehörten die Wiener Eisrevue und später „Holiday on Ice“. Dort konnten sie weiterhin vor einem großen Publikum auftreten, allerdings nun als professionelle Künstler. Nach Angaben der Hall of Fame begeisterten sie bis 1981 Zuschauer bei Eisshows in verschiedenen Ländern.
Bäumler erinnerte sich später daran, wie intensiv die Trainingszeit während seiner Amateurkarriere gewesen war. Täglich standen mehrere Stunden Eislaufen, Krafttraining und Kondition auf dem Programm. Gleichzeitig waren die finanziellen Möglichkeiten für damalige Amateursportler begrenzt. Sponsoring in der heutigen Form gab es nicht.
Der professionelle Wechsel eröffnete Bäumler schließlich die Möglichkeit, seine Bekanntheit für eine zweite Karriere zu nutzen.
Hans-Jürgen Bäumler als Schlagersänger
Schon kurz nach dem Ende seiner Eiskunstlaufkarriere wurde Bäumler auch als Sänger bekannt. Er veröffentlichte Schlager und arbeitete dabei teilweise erneut mit Marika Kilius zusammen. Ein besonders bekannter gemeinsamer Titel war „Honeymoon in St. Tropez“. Das Lied erreichte in den deutschen Musikcharts eine hohe Platzierung. Auch „Wenn Cowboys träumen“ wurde zu einem bekannten Titel des Duos.
Bäumler entwickelte zusätzlich eine Solokarriere. Zu seinen bekannten Liedern gehört „Wunderschönes fremdes Mädchen“. Seine Karriere als Sänger zeigte, wie stark seine Bekanntheit aus dem Eiskunstlauf bereits in die Unterhaltungsbranche überging.
1965 erhielt er als Sänger den Bronze-Löwen von Radio Luxemburg. Anschließend arbeitete er auch für den Sender als Sprecher und Moderator. Damit begann eine Entwicklung, die später zu seiner umfangreichen Tätigkeit im Fernsehen führen sollte.
Schauspieler, Theaterdarsteller und Fernsehmoderator
Parallel zur Musik begann Bäumler eine Karriere als Schauspieler. Bereits Mitte der 1960er-Jahre war er in verschiedenen Unterhaltungsfilmen zu sehen. Dazu gehörten Produktionen wie „Im weißen Rössl“ und „Maske in Blau“. Auch die erfolgreiche Fernsehserie „Salto Mortale“ gehörte zu seinen bekannten Arbeiten.
Bäumler wollte seine schauspielerischen Fähigkeiten weiterentwickeln und absolvierte deshalb eine Schauspiel- und Sprecherausbildung in München. 1968 folgte sein erstes Theaterengagement in Heidelberg. Danach spielte er in zahlreichen Bühnenproduktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Auch als Fernsehmoderator wurde er erfolgreich. Besonders bekannt wurde er als Moderator verschiedener Quiz- und Unterhaltungssendungen. Dazu gehörten „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, „Das waren Hits“, „Was wäre wenn“ und später „Riskant!“. Von 1990 bis 1993 moderierte er „Riskant!“ bei RTL plus.
Seine vielseitige Karriere machte ihn zu einer ungewöhnlichen Persönlichkeit. Bäumler war nicht auf eine einzige Branche beschränkt. Er konnte seine Erfahrungen als Sportler, seine Bühnenpräsenz und seine Stimme sowohl im Fernsehen als auch im Theater einsetzen.
Familie und Leben an der Côte d’Azur
Auch privat fand Hans-Jürgen Bäumler nach seiner großen Karriere einen ruhigen Lebensmittelpunkt. Seit 1974 ist er mit seiner Ehefrau Marina verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne und inzwischen auch Enkelkinder. Die José Carreras Leukämie-Stiftung nennt zwei Söhne und vier Enkelkinder.
Bäumler lebt seit vielen Jahren in Südfrankreich. Bereits 2017 wurde berichtet, dass er an der Côte d’Azur in der Nähe von Nizza zu Hause ist. Dort konnte er Abstand vom früheren Leben im Rampenlicht gewinnen.
2022 berichtete der SWR anlässlich seines 80. Geburtstags über sein Leben in Südfrankreich. Damals wurde beschrieben, dass Bäumler auf einem Anwesen mit Olivenbäumen lebte und sich in seiner Freizeit um den Olivenhain kümmerte. Für den ehemaligen Spitzensportler war diese Arbeit eine neue Form körperlicher Aktivität. Die Schlittschuhe und auch der Tennisschläger waren inzwischen Teil der Vergangenheit.
Hans-Jürgen Bäumler heute
Inzwischen lebt Hans-Jürgen Bäumler weitgehend zurückgezogen. Nach Jahrzehnten im Fernsehen, auf Bühnen und im Sport hat er sich bewusst aus dem öffentlichen Leben zurückgenommen. Nach aktuellen Berichten stand er 2018 letztmals regelmäßig auf der Theaterbühne. Heute lebt er mit seiner Frau Marina weiterhin an der Côte d’Azur und genießt ein ruhigeres Leben.
Trotz seines Rückzugs ist sein Name in Deutschland weiterhin bekannt. Seine sportlichen Erfolge werden regelmäßig in Rückblicken auf die Geschichte des Eiskunstlaufs erwähnt. Auch seine Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports im Jahr 2011 unterstreicht seine Bedeutung.
Darüber hinaus engagiert sich Bäumler seit 2009 als Botschafter der José Carreras Leukämie-Stiftung. Damit blieb er auch nach seiner aktiven Karriere mit einer gesellschaftlichen Aufgabe verbunden.
Seine lange Laufbahn zeigt außerdem, wie sehr sich das Leben eines bekannten Sportlers verändern kann. Vom Eiskunstlaufstar der Wirtschaftswunderzeit wurde Bäumler zum Sänger, Schauspieler, Moderator und Theaterdarsteller. Heute steht nicht mehr die Öffentlichkeit im Mittelpunkt, sondern ein ruhigeres Leben in Südfrankreich.
Fazit
Hans-Jürgen Bäumler ist eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des deutschen Eiskunstlaufs. Gemeinsam mit Marika Kilius wurde er in den 1960er-Jahren zu einem großen Publikumsliebling. Sechs Europameistertitel in Folge, zwei Weltmeisterschaften und zwei olympische Silbermedaillen machten das Paar zu einem der erfolgreichsten deutschen Eiskunstlaufduos seiner Zeit.
Seine Karriere endete jedoch nicht mit dem Sport. Als Schlagersänger, Schauspieler, Theaterdarsteller und Fernsehmoderator fand Bäumler neue berufliche Wege. Er trat in Filmen und Serien auf, stand auf Theaterbühnen und moderierte über Jahre erfolgreiche Unterhaltungssendungen. Auch seine spätere Tätigkeit als Botschafter zeigt, dass er seine Bekanntheit für mehr als nur Unterhaltung einsetzte.
Heute lebt der ehemalige Eisprinz weitgehend zurückgezogen an der Côte d’Azur. Nach einem Leben voller Wettkämpfe, Fernsehauftritte und Bühnenmomente hat Hans-Jürgen Bäumler einen ruhigeren Lebensabschnitt erreicht. Sein Name bleibt dennoch fest mit einer großen Epoche des deutschen Eiskunstlaufs verbunden.

