Einleitung
Maria Fischer, auch Marie Fischer genannt, war eine österreichische Textilarbeiterin und Widerstandskämpferin, die sich in einer Zeit politischer Diktatur gegen Austrofaschismus und später gegen den Nationalsozialismus engagierte. Sie wurde am 30. Juli 1897 in St. Pölten geboren und starb am 6. Februar 1962 in Wien. Ihr Leben war eng mit der österreichischen Arbeiterbewegung, der politischen Untergrundarbeit und dem Widerstand gegen diktatorische Systeme verbunden.
Fischer stammte nicht aus einer einflussreichen politischen Familie. Sie erlernte nach der Volksschule den Beruf der Seidenwinderin und arbeitete sowohl in verschiedenen Betrieben als auch in Heimarbeit. Ihr Leben zeigt deshalb besonders deutlich, dass Widerstand nicht nur von bekannten Politikern oder Personen aus höheren gesellschaftlichen Kreisen geleistet wurde. Auch Arbeiterinnen wie Maria Fischer beteiligten sich unter schwierigen Bedingungen an politischen Aktivitäten.
Während der Zeit des Nationalsozialismus unterstützte sie eine trotzkistische Widerstandsgruppe und stellte ihre Wiener Wohnung für die Untergrundarbeit zur Verfügung. Dort wurden unter anderem illegale Schriften vorbereitet. 1943 wurde Fischer von der Gestapo verhaftet und später wegen ihrer politischen Tätigkeit zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Nach dem Krieg konnte sie ihr Leben in Wien weiterführen und starb 1962.
Kindheit und Herkunft in St. Pölten
Maria Fischer wurde Ende des 19. Jahrhunderts in St. Pölten geboren. Ihre Familie gehörte nicht zur wohlhabenden Gesellschaft. Ihr Vater Johann Fischer arbeitete als Sattlermeister beziehungsweise Sattlergehilfe, ihre Mutter hieß Antonia Fischer und stammte aus Kleinreichenbach. Maria war eine von mehreren Geschwistern.
Die frühen Lebensbedingungen prägten wahrscheinlich auch ihre spätere Verbindung zur Arbeitswelt. Nach der Volksschule erlernte sie den Beruf der Seidenwinderin. Als Textilarbeiterin war sie sowohl in Betrieben als auch in Heimarbeit tätig. Damit gehörte sie zu einer großen Gruppe von Frauen, deren berufliches Leben durch körperliche Arbeit und vergleichsweise begrenzte soziale Möglichkeiten geprägt war.
Maria Fischer zog später nach Wien. Seit 1916 lebte sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Antonie in einer Wohnung in der Gusenleithnergasse im heutigen Bezirk Penzing. Wien wurde für sie nicht nur zum Lebensmittelpunkt, sondern auch zum Zentrum ihrer politischen Aktivitäten.
Die Geschichte ihrer Familie war ebenfalls von schwierigen Umständen geprägt. Maria Fischer bekam 1918 einen Sohn namens Karl. Später wurde auch ihr Sohn politisch aktiv und schloss sich revolutionären kommunistischen Kreisen an. Damit entwickelte sich innerhalb der Familie eine Verbindung zur politischen Opposition, die während der folgenden Jahrzehnte immer wichtiger werden sollte.
Maria Fischer und die Arbeiterbewegung
1916 trat Maria Fischer der Sozialdemokratischen Partei und den Freien Gewerkschaften bei. Dieser Schritt fiel in eine Zeit, in der soziale Fragen, Arbeitsbedingungen und politische Rechte für die österreichische Arbeiterschaft eine große Bedeutung hatten.
Für eine Textilarbeiterin war die gewerkschaftliche Organisation besonders relevant. Frauen arbeiteten häufig unter schwierigen Bedingungen und verfügten über weniger politische und wirtschaftliche Möglichkeiten als Männer. Die Gewerkschaften boten eine Möglichkeit, gemeinsame Interessen zu vertreten.
Fischers politische Entwicklung ging später über die sozialdemokratische Bewegung hinaus. In den 1930er-Jahren kam sie über ihren Sohn Karl mit den Revolutionären Kommunisten Österreichs in Kontakt. Diese Gruppe stand in der Tradition des Trotzkismus und wandte sich gegen die politischen Systeme, die sie als diktatorisch betrachtete.
Maria Fischer stellte ihre Wohnung in Wien für politische Untergrundarbeit zur Verfügung. Damit wurde ihre private Wohnung zu einem Ort, an dem sich Menschen aus dem Widerstand treffen konnten. Diese Entscheidung war mit erheblichen Risiken verbunden, denn politische Aktivitäten außerhalb der zugelassenen Organisationen konnten zu Verhaftung und Gefängnis führen.
Widerstand gegen den Austrofaschismus
Maria Fischers politische Tätigkeit begann nicht erst mit der nationalsozialistischen Herrschaft. Bereits während der österreichischen Diktatur der 1930er-Jahre engagierte sie sich in oppositionellen Kreisen.
Nach dem Ende der parlamentarischen Demokratie in Österreich wurden politische Organisationen zunehmend unterdrückt. Besonders sozialistische und kommunistische Gruppen gerieten unter Druck. Für Menschen wie Fischer bedeutete dies, dass politische Arbeit zunehmend im Geheimen stattfinden musste.
Über ihren Sohn erhielt sie Kontakt zu den Revolutionären Kommunisten Österreichs. Die Wohnung der Familie wurde für organisatorische Aufgaben genutzt. Dadurch war Fischer nicht lediglich eine passive Unterstützerin, sondern stellte konkrete Räumlichkeiten für politische Aktivitäten bereit.
Auch ihr Sohn Karl wurde wegen seiner politischen Aktivitäten verfolgt. Er wurde 1936 verhaftet und später im Zusammenhang mit dem sogenannten Wiener Trotzkistenprozess zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung emigrierte er und setzte seinen politischen Widerstand später außerhalb Österreichs fort.
Die Erfahrungen mit der politischen Verfolgung ihres Sohnes dürften das familiäre Umfeld stark geprägt haben. Für Maria Fischer bedeutete die politische Arbeit gleichzeitig ein persönliches Risiko, das sie dennoch weiterhin einging.
Der Anschluss Österreichs und die neue Gefahr
Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 änderte sich die politische Situation grundlegend. Die nationalsozialistische Herrschaft weitete die Verfolgung politischer Gegner aus. Für Maria Fischer bedeutete dies, dass ihre bereits bestehende Untergrundarbeit nun unter noch größerer Gefahr fortgesetzt werden musste.
Fischer schloss sich der trotzkistischen Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ an. Die Gruppe verbreitete politische Schriften und versuchte, trotz der nationalsozialistischen Unterdrückung oppositionelle Gedanken zu verbreiten.
Fischers Wohnung spielte dabei erneut eine wichtige Rolle. Sie stellte Räumlichkeiten zur Verfügung und unterstützte die Herstellung beziehungsweise Verbreitung illegaler Schriften. Als Deckname für ihre Tätigkeit wurde „Netz“ verwendet. In ihrem persönlichen Umfeld wurde sie außerdem „Mitzi-Tante“ genannt.
Ihre politische Arbeit war nicht mit einer öffentlichen Tätigkeit vergleichbar. Widerstand unter einer Diktatur bedeutete vielmehr, Kontakte geheim zu halten, Materialien zu verstecken und Treffen möglichst unauffällig zu organisieren. Schon kleine Fehler konnten zu einer Verhaftung führen.
Fischer arbeitete während dieser Zeit weiterhin als Arbeiterin. Die Verbindung von alltäglicher Erwerbsarbeit und heimlicher politischer Tätigkeit gehörte zu den besonderen Herausforderungen ihres Lebens.
Untergrundarbeit und geheime Flugblätter
Ein wichtiger Teil der Widerstandsarbeit bestand in der Herstellung und Verbreitung politischer Schriften. Die Gruppe „Gegen den Strom“ gab unter anderem Schriften mit den Titeln „Gegen den Strom“ und „Rundschau“ heraus.
Maria Fischer war an dieser Arbeit beteiligt. In ihrer Wohnung wurden eine Schreibmaschine, Papier und weitere Materialien aufbewahrt, die zur Herstellung der Flugblätter dienten. Die Gegenstände wurden in speziell angefertigten Geheimfächern von Wäschekästen versteckt.
Diese Details zeigen, wie vorsichtig Widerstandsgruppen damals vorgehen mussten. Eine Schreibmaschine oder Papier waren an sich völlig alltägliche Gegenstände. In Verbindung mit illegalen politischen Schriften konnten sie jedoch zu Beweismitteln gegen eine Person werden.
Fischer unterstützte die Gruppe auch finanziell. In der Anklage gegen sie wurde ihr vorgeworfen, die Organisation durch Mitgliedsbeiträge unterstützt zu haben. Die nationalsozialistische Justiz wertete diese Aktivitäten als Vorbereitung zum Hochverrat.
Ihre Tätigkeit muss daher im Zusammenhang mit der allgemeinen Situation der österreichischen Widerstandsbewegung gesehen werden. Die Widerstandsgruppen waren unterschiedlich organisiert und politisch nicht einheitlich. Maria Fischer gehörte zu einem trotzkistischen Umfeld, das sich sowohl gegen die nationalsozialistische Herrschaft als auch gegen andere politische Systeme wandte.
Verhaftung durch die Gestapo
Im April 1943 wurde die Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ von der Gestapo aufgedeckt. Am 14. April 1943 wurde Maria Fischer festgenommen.
Bei einer Hausdurchsuchung in ihrer Wohnung fanden die Ermittler die Schreibmaschine, Papier und weitere Gegenstände, die mit der Herstellung illegaler Schriften in Verbindung standen. Damit lagen den Behörden konkrete Beweismittel für ihre Untergrundtätigkeit vor.
Die Festnahme war ein schwerer Einschnitt in Fischers Leben. Sie wurde zunächst von der Gestapo festgehalten. Ein Schutzhaftbefehl des Reichssicherheitshauptamtes wurde nachträglich am 13. Mai 1943 erlassen. Als Begründung wurde eine angebliche „hochverräterische Betätigung“ angegeben.
Die nationalsozialistische Justiz behandelte politische Gegner mit großer Härte. Auch Maria Fischer wurde vor dem Volksgerichtshof angeklagt. Ihr wurde insbesondere vorgeworfen, die Widerstandsorganisation unterstützt und gemeinsam mit Josef Jakobovits in ihrer Wohnung illegale Schriften hergestellt zu haben.
Damit endete für Fischer die jahrelange Arbeit im Untergrund. Aus der heimlichen politischen Tätigkeit war ein Strafverfahren geworden, bei dem sie der nationalsozialistischen Justiz gegenüberstand.
Urteil und Haft
Am 10. Dezember 1943 wurde Maria Fischer vom 5. Senat des Volksgerichtshofs in Wien wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt.
Das Urteil zeigt zugleich, wie die nationalsozialistische Justiz politische Aktivitäten bewertete. Die Widerstandsarbeit, die aus heutiger historischer Sicht Teil des Kampfes gegen die Diktatur war, wurde damals als schweres politisches Verbrechen verfolgt.
Fischer wurde anschließend inhaftiert. Ihre Geschichte unterschied sich dabei von der mehrerer anderer Mitglieder der Gruppe. Während sie eine mehrjährige Haftstrafe erhielt, wurden einige ihrer politischen Weggefährten zum Tode verurteilt. Josef Jakobovits und Franz Kascha wurden im März 1944 im Wiener Landesgericht hingerichtet.
Maria Fischer überlebte die nationalsozialistische Verfolgung und wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Haft befreit. Damit gehörte sie zu den Widerstandskämpferinnen, die trotz Verhaftung und Verurteilung das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft noch erleben konnten.
Das Leben nach 1945
Nach dem Ende des Nationalsozialismus konnte Maria Fischer nach Wien zurückkehren beziehungsweise dort ihr weiteres Leben führen. Für sie begann damit ein neuer Lebensabschnitt nach Jahren politischer Unterdrückung, Untergrundarbeit und Haft.
Über die Jahrzehnte nach 1945 sind im Vergleich zu ihrer Widerstandstätigkeit weniger Informationen überliefert. Ihr Leben stand nicht mehr im Zentrum politischer Verfolgung, doch die Erfahrungen aus der Zeit der Diktatur blieben ein wichtiger Teil ihrer Biografie.
Maria Fischer starb am 6. Februar 1962 in Wien. Sie wurde damit 64 Jahre alt. Ihr Leben umfasste mehrere politische Epochen Österreichs: die Zeit der Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, die politischen Umbrüche der Zwischenkriegszeit, den Austrofaschismus, die nationalsozialistische Herrschaft und schließlich die Nachkriegszeit.
Ihre Biografie zeigt, wie stark die politischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts das Leben einer einfachen Arbeiterin beeinflussen konnten.
Erinnerung an Maria Fischer
Die Erinnerung an Maria Fischer ist vor allem durch historische Forschungsarbeiten zur österreichischen Widerstandsbewegung erhalten geblieben. Ihr Name findet sich in biografischen Sammlungen und Dokumentationen über Frauen im österreichischen Widerstand.
Besonders wichtig sind dabei Projekte wie „biografiA“, die sich mit den Lebensgeschichten österreichischer Frauen beschäftigen. Dort wird Fischer als Seidenwinderin und Widerstandskämpferin dokumentiert. Solche Arbeiten tragen dazu bei, auch Frauen sichtbar zu machen, deren Lebensgeschichten lange weniger bekannt waren.
Fischers Biografie ist dabei auch ein Beispiel für die Bedeutung der Arbeiterinnen im Widerstand. Sie hatte kein öffentliches Amt und war keine bekannte politische Persönlichkeit. Ihre Tätigkeit fand vielmehr im privaten Umfeld und im Untergrund statt.
Gerade deshalb ist ihre Geschichte historisch interessant. Sie zeigt, dass Widerstand gegen Diktaturen auf unterschiedliche Weise geleistet wurde. Menschen konnten Schriften herstellen, Räume zur Verfügung stellen, Geld sammeln, Informationen weitergeben oder andere politisch Verfolgte unterstützen.
Fazit
Maria Fischer, geboren 1897 in St. Pölten und gestorben 1962 in Wien, führte ein Leben, das eng mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen Österreichs verbunden war. Als Seidenwinderin und Textilarbeiterin stammte sie aus der Arbeitswelt und engagierte sich schon während des Ersten Weltkriegs in der Sozialdemokratie und den Freien Gewerkschaften.
In den 1930er-Jahren entwickelte sich ihre politische Tätigkeit weiter. Über ihren Sohn Karl kam sie mit den Revolutionären Kommunisten Österreichs in Kontakt und stellte ihre Wohnung für politische Untergrundarbeit zur Verfügung. Nach dem Anschluss Österreichs beteiligte sie sich an der trotzkistischen Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“.
Ihre Wohnung wurde zur Anlaufstelle für die Herstellung illegaler Schriften. 1943 entdeckte die Gestapo die Gruppe und verhaftete Fischer. Noch im selben Jahr verurteilte der Volksgerichtshof sie zu fünf Jahren Zuchthaus. Anders als einige ihrer Mitstreiter überlebte sie die nationalsozialistische Haft und konnte nach dem Krieg ein weiteres Leben in Wien führen.
Maria Fischers Geschichte erinnert daran, dass Widerstand nicht ausschließlich von bekannten Persönlichkeiten getragen wurde. Auch Arbeiterinnen, Mütter und Menschen ohne öffentliche politische Position beteiligten sich unter großer persönlicher Gefahr an der Opposition gegen Diktaturen. Ihre Biografie gehört deshalb zu den wichtigen, wenn auch lange weniger bekannten Geschichten des österreichischen Widerstands.

