Einleitung
Werner Böhm war ein deutscher Musiker, Sänger und Entertainer, der vor allem unter seiner Kunstfigur Gottlieb Wendehals bekannt wurde. Mit kariertem Jackett, großer Brille, Fliege, Aktentasche und Gummihuhn entwickelte er eine Bühnenfigur, die in den 1980er Jahren zu einem festen Bestandteil der deutschen Unterhaltung wurde. Sein größter Erfolg war „Polonäse Blankenese“, ein Stimmungslied, das neun Wochen lang Platz eins der deutschen Singlecharts belegte.
Hinter dem humorvollen Gottlieb Wendehals verbarg sich allerdings ein vielseitiger Musiker. Werner Böhm hatte seine musikalischen Wurzeln im Jazz und arbeitete bereits lange vor seinem großen Schlagererfolg als Pianist in Hamburg. Dort spielte er in bekannten Jazzclubs und begleitete nach biografischen Angaben auch internationale Musiker. Seine spätere Karriere führte ihn von der Jazzmusik über Schlager und Fernsehen bis zu Film- und Radioprojekten.
Werner Böhm wurde am 5. Juni 1941 in Thorn geboren und starb am 2. Juni 2020 auf Gran Canaria. Seine Karriere war von einem außergewöhnlichen Gegensatz geprägt: Einerseits war er ein ausgebildeter und erfahrener Musiker, andererseits wurde er durch eine bewusst komische Kunstfigur zu einem der bekanntesten Stimmungssänger seiner Zeit.
Kindheit und Jugend von Werner Böhm
Werner Böhm wurde 1941 in Thorn geboren, das heute Toruń in Polen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs er in Hamburg auf. Seine Familie hatte ebenfalls einen musikalischen Hintergrund. Nach eigenen Angaben war seine Mutter Helga Böhm Sopranistin, während sein Vater Werner Böhm als Volkswirt und Pianist tätig war. Auch seine Schwester Irene Böhm arbeitete später als Schauspielerin.
Nach seiner Schulzeit, die er in Hamburg verbrachte, schlug Werner Böhm zunächst keinen direkten Weg in die Musikbranche ein. Er absolvierte eine Ausbildung zum Dekorateur und arbeitete anschließend mehrere Jahre in diesem Beruf. Zwischen 1961 und 1965 war er in Deutschland tätig. Danach arbeitete er als Chefdekorateur in Genf.
Später kehrte er nach Hamburg zurück und arbeitete unter anderem bei Karstadt. Auch mit der Werbebranche kam er in Kontakt. Er war als Texter und Werbeassistent tätig. Diese frühen beruflichen Stationen zeigen, dass seine spätere Karriere als Musiker nicht von Anfang an feststand.
Die Musik blieb jedoch seine große Leidenschaft. Besonders der Jazz sollte in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle spielen und die Grundlage für seine musikalische Entwicklung bilden.
Werner Böhm als Jazzpianist in Hamburg
Noch vor seinem Durchbruch als Gottlieb Wendehals machte sich Werner Böhm in der Hamburger Jazzszene einen Namen. Bereits Ende der 1950er Jahre spielte er als Pianist bei den Cabinet Jazzmen. Die Band gehörte zu den bekannten Jazzformationen Norddeutschlands.
In den 1960er und frühen 1970er Jahren trat Böhm in verschiedenen Hamburger Clubs auf. Zu den genannten Spielstätten gehören unter anderem der Cotton Club, das Jazz House, die Riverkasematten und das legendäre Onkel Pö. Diese Jahre waren für seine musikalische Entwicklung besonders wichtig.
Nach den biografischen Angaben begleitete Böhm am Klavier auch internationale Jazzgrößen wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Erroll Garner. Diese Erfahrungen zeigen, dass hinter dem späteren Stimmungssänger ein Musiker mit einem ernsthaften Jazzhintergrund stand.
Gerade dieser Teil seines Lebens wird häufig von seiner späteren Bekanntheit als Gottlieb Wendehals überschattet. Wer nur „Polonäse Blankenese“ mit Werner Böhm verbindet, kennt deshalb nur einen Teil seiner musikalischen Geschichte. Seine Laufbahn begann viele Jahre früher und war zunächst stark von Jazz und Klaviermusik geprägt.
Die Entstehung der Kunstfigur Gottlieb Wendehals
Ende der 1970er Jahre entwickelte Werner Böhm die Kunstfigur Gottlieb Wendehals. Die Figur war bewusst anders gestaltet als der klassische Musiker. Sie sollte auffallen, unterhalten und das Publikum zum Mitmachen bringen.
Gottlieb Wendehals trat mit einem schwarz-weiß karierten Jackett, großer Brille, Fliege und einer auffälligen Aktentasche auf. Besonders charakteristisch war das Gummihuhn, das Böhm bei seinen Auftritten häufig bei sich trug. Auch die Sprache und das Auftreten der Figur waren Teil des Konzepts.
1979 wurde Gottlieb Wendehals als Bühnenfigur etabliert. Bereits 1980 trat Böhm mit dem Titel „Herbert“ in der „ZDF-Hitparade“ auf. Der Auftritt brachte ihm große Aufmerksamkeit. Die Single verkaufte sich nach den überlieferten Angaben mehr als 550.000 Mal.
Damit war der Grundstein für seinen großen kommerziellen Erfolg gelegt. Böhm hatte eine Figur geschaffen, die das Publikum sofort erkennen konnte. Der Name Werner Böhm trat dabei zunehmend hinter dem Künstlernamen Gottlieb Wendehals zurück.
„Polonäse Blankenese“ wird zum größten Erfolg
Der entscheidende Durchbruch kam 1981 mit „Polonäse Blankenese“. Das Lied wurde von Werner Böhm in seiner Rolle als Gottlieb Wendehals präsentiert. Der Titel bezog sich auf den Hamburger Stadtteil Blankenese und verband eingängige Musik mit einer einfachen gemeinsamen Tanzbewegung.
Das Lied erreichte im November 1981 Platz eins der deutschen Charts und blieb dort insgesamt neun Wochen. Damit wurde es zu einem der größten deutschsprachigen Stimmungshits seiner Zeit. Für mehr als 250.000 verkaufte Exemplare wurde die Single in Deutschland mit Gold ausgezeichnet.
Der Erfolg funktionierte vor allem durch die einfache Idee hinter der Polonäse. Menschen konnten sich hintereinander aufstellen, die Schultern des Vordermanns greifen und gemeinsam durch einen Saal oder über eine Veranstaltung ziehen. Dadurch wurde aus einem Lied eine gemeinschaftliche Partyaktion.
Die Figur Gottlieb Wendehals verstärkte diesen Effekt. Kariertes Jackett, Aktentasche und Gummihuhn machten die Auftritte sofort erkennbar. Bei Fernsehauftritten führte Böhm häufig eine Polonäse an und machte den Titel dadurch zu einem visuellen Erlebnis.
Weitere Musik, Fernsehen und Film
Nach dem riesigen Erfolg von „Polonäse Blankenese“ blieb Werner Böhm aktiv. Er veröffentlichte weitere Titel als Gottlieb Wendehals und trat regelmäßig im Fernsehen auf. Gleichzeitig versuchte er immer wieder, sich musikalisch weiterzuentwickeln.
1982 nahm er an der deutschen Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest teil. Sein Titel „Der Ohrwurm“ erreichte dort den elften und damit vorletzten Platz. Gleichzeitig war Böhm als Texter und Komponist am Lied „Lady“ beteiligt, das seine damalige Ehefrau Mary Roos gemeinsam mit David Hanselmann präsentierte.
Auch im Fernsehen arbeitete Böhm weiter. Von 1982 bis 1983 war er an der Serie „Immer Ärger mit Pop“ beteiligt. Für diese Produktion entwickelte er die Figur Professor h.c. Paul Popwitz.
1983 war er außerdem im Film „Sunshine Reggae auf Ibiza“ zu sehen. Dort trat er unter anderem gemeinsam mit Karl Dall und Helga Feddersen auf. Damit erweiterte er seine Arbeit über Musik und Fernsehen hinaus auf den Bereich Film.
Der Versuch, musikalisch neue Wege zu gehen
Werner Böhm wollte nicht ausschließlich auf Gottlieb Wendehals reduziert werden. Mitte der 1980er Jahre versuchte er deshalb, seine musikalische Richtung zu verändern.
1984 veröffentlichte er das Album „84 Ahead“. Stilistisch orientierte sich die Produktion stärker an Italo Disco, Disco und Rap. Auch die Texte und die musikalische Präsentation unterschieden sich deutlich von den bekannten Wendehals-Stimmungsliedern. Die Titel „Get On Up“ und „I’m a Winner“ wurden als Singles veröffentlicht.
Der erhoffte kommerzielle Erfolg blieb jedoch aus. Das Projekt wurde nicht dauerhaft weitergeführt. Böhm kehrte anschließend wieder verstärkt zu seiner erfolgreichen Kunstfigur Gottlieb Wendehals zurück.
1985 trat er mit einer größeren Gottlieb-Wendehals-Band auf. Zu den beteiligten Musikern gehörte auch der Gitarrist Franz Plasa. Gleichzeitig arbeitete Böhm an weiteren Musikprojekten und zeigte damit, dass er sich nicht nur auf einen einzigen Stil festlegen wollte.
Auch als Produzent war er tätig. Gemeinsam mit Frank Dostal produzierte er unter anderem ein Kinderliederalbum für das Umfeld der Sendung „Die Montagsmaler“.
Spätere Karriere und neue Fernsehauftritte
In den 1990er Jahren konnte Werner Böhm nicht mehr an die außergewöhnlichen Chart-Erfolge der frühen 1980er Jahre anknüpfen. Trotzdem blieb er als Gottlieb Wendehals im deutschen Unterhaltungsbereich präsent.
Er veröffentlichte weiterhin Musik und nahm unterschiedliche Stilrichtungen auf. 1990 versuchte er sich beispielsweise stärker im volkstümlichen Schlager. Später erschienen erneut Produktionen unter dem Namen Gottlieb Wendehals.
Auch in den 2000er Jahren blieb Böhm aktiv. Von 2001 bis 2003 moderierte er die „Werner Böhm Show“ bei Hamburger Radiosendern. Dadurch konnte er wieder stärker seine eigene Person und nicht nur die Kunstfigur in den Mittelpunkt stellen.
Einem jüngeren Fernsehpublikum wurde er außerdem durch Reality-TV bekannt. 2004 nahm er an der ersten Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ teil. Damit zeigte er erneut, dass er bereit war, sich auf neue Fernsehformate einzulassen.
Privatleben und letzte Jahre
Werner Böhm war mehrmals verheiratet. Zu seinen bekannten Ehefrauen gehörte die Sängerin Mary Roos, mit der er von 1981 bis 1989 verheiratet war. 1995 heiratete er Susanne Böhm. Die Ehe bestand formal bis zu seinem Tod, allerdings hatten sich die beiden bereits einige Zeit vorher getrennt.
Sein Privatleben war in den späteren Jahren auch von finanziellen und persönlichen Problemen geprägt. Böhm sprach teilweise selbst offen über Schwierigkeiten in seinem Leben. Dadurch wurde deutlich, dass hinter der fröhlichen Bühnenfigur auch eine weitaus kompliziertere persönliche Geschichte stand.
Anfang 2020 zog Werner Böhm von Hamburg nach Gran Canaria. Dort verbrachte er seine letzten Monate. Am 2. Juni 2020 starb er auf der spanischen Insel im Alter von 78 Jahren. Sein Tod wurde wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag bekannt.
Werner Böhm wurde später auf See bestattet. Nach seinem Tod erschienen zahlreiche Erinnerungen an den Musiker. Dabei wurde immer wieder hervorgehoben, dass hinter Gottlieb Wendehals ein erfahrener Jazzmusiker und Pianist stand.
Das musikalische Vermächtnis von Werner Böhm
Werner Böhm hinterließ ein ungewöhnliches musikalisches Vermächtnis. Einerseits war er ein Jazzpianist, der in Hamburg mit bedeutenden Musikern in Verbindung stand. Andererseits schuf er mit Gottlieb Wendehals eine bewusst komische Figur, die vor allem durch Unterhaltung und Partystimmung bekannt wurde.
„Polonäse Blankenese“ blieb sein mit Abstand größter Hit. Das Lied gehört bis heute zu den bekannten deutschen Stimmungsliedern und wird häufig mit Veranstaltungen, Karneval und Partys verbunden. Die einfache Tanzform machte den Titel besonders leicht zugänglich.
Seine Diskografie reicht allerdings weit über diesen einen Titel hinaus. Nach seinem großen Durchbruch veröffentlichte Böhm zahlreiche weitere Singles und Alben. Auch nach seinem Tod erschienen noch digitale Veröffentlichungen unter seinem Namen und dem Namen Gottlieb Wendehals.
Bemerkenswert bleibt vor allem der Gegensatz zwischen dem Musiker Werner Böhm und seiner Kunstfigur. Der Jazzpianist und der schrille Stimmungssänger waren zwei sehr unterschiedliche Seiten desselben Künstlers.
Fazit: Werner Böhm bleibt als Gottlieb Wendehals bekannt
Werner Böhm war einer der auffälligsten deutschen Unterhaltungskünstler seiner Generation. Seine Karriere begann nicht mit Schlager oder Partymusik, sondern mit dem Jazz. Als Pianist arbeitete er in der Hamburger Szene und sammelte Erfahrungen mit internationalen Musikern.
Mit der Erfindung von Gottlieb Wendehals änderte sich seine Karriere grundlegend. Das karierte Jackett, die Brille, die Aktentasche und das Gummihuhn wurden zu seinen Markenzeichen. Mit „Polonäse Blankenese“ gelang ihm 1981 schließlich ein außergewöhnlicher Erfolg. Der Titel stand neun Wochen an der Spitze der deutschen Charts.
Auch danach blieb Böhm vielseitig. Er arbeitete für Fernsehen und Radio, versuchte neue Musikrichtungen, wirkte in einem Kinofilm mit und trat später in Reality-Shows auf. Gleichzeitig war sein späteres Leben von persönlichen und finanziellen Schwierigkeiten geprägt.
Werner Böhm starb am 2. Juni 2020 auf Gran Canaria. Sein Name bleibt vor allem mit Gottlieb Wendehals und der „Polonäse Blankenese“ verbunden. Seine Biografie zeigt jedoch, dass hinter dieser berühmten Spaßfigur ein Musiker mit einer langen und vielseitigen Karriere stand.

